Blogserie Gewaltfreie Kommunikation fürs Büro (4): Die Ursache für Gefühle finden Sie auch am Arbeitsplatz

Eine der Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation lautet:

Meine Gefühle werden von Handlungen anderer ausgelöst, aber nicht verursacht. Die Ursache meiner Gefühle sind meine unerfüllten oder erfüllten Bedürfnisse. Ebensowenig bin ich die Verursacher der Gefühle anderer Menschen.

Ich möchte das sogar noch erweitern. Viele Auslöser für meine Gefühle liegen in der Vergangenheit. Sie werden durch neu hinzukommende Auslöser verstärkt.

Wenn ich mir diese Grundannahme zu nutze mache, hilft mir die daraus gewonnene Erkenntnis, Verantwortung für meine Gefühle und die Erfüllung meiner Bedürfnisse zu übernehmen.

Kennen Sie die Geschichte vom Mann und dem Hammer und seinem Nachbarn von Paul Watzlawik?

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer". (aus P. Watzlawick: Anleitung zum unglücklich sein.)

Der Nachbar hat nichts mit den Gedanken und Gefühlen des Mannes zu tun. Vermutlich geht es ihm um Verbindung oder Sicherheit in der Beziehung zum Nachbarn und um Unterstützung in Bezug auf das Aufhängen des Bildes. Da wir ihn nicht fragen können, bleibt uns hier die Möglichkeit des empathischen Vermutens.

 

Schlüsselunterscheidung: Empathisches Erraten/Vermuten/Ahnen - Wissen/intellektuelles Herumraten

Diese Schlüsselunterscheidung dient zur Hilfestellung, dem Kopfkino zu entgehen. Wenn Sie mit Ihren Kollegen, Mitarbeitern oder Kunden wirklich in Kontakt kommen möchten, ist empathisches Vermuten ein Weg, durch den die Verbindung gelingen kann. Auch am Arbeitsplatz. Gibt es da vielleicht auch einen Kollegen, der Sie heute nicht gegrüßt hat? Der sich den letzten Kaffee aus der Kanne genommen hat? Der immer noch nicht auf Ihre Mail von vor drei Tagen reagiert hat?

Empathisches Erraten/Vermuten/Ahnen

Wenn ich in erkundender, empathischer Intention einen Menschen frage, äußere ich Vermutungen und lasse ihm die Möglichkeit, über das Angebot in meiner Frage mit sich in Verbindung zu kommen.


Sie können sich die folgende Fragen stellen:
Vermute ich, was andere beobachtet haben, wie sie sich fühlen, welche Bedürfnisse (un)erfüllt sind, welche Bitte sie haben könnten und äußere das in Frageform?

Wissen/intellektuelles Herumraten

Gehe ich mit einer wissenden Haltung in die Situation, erschwere ich die Verbindung zwischen uns und die des anderen zu sich selbst.


Sie können sich die folgende Frage stellen:
Äußere ich eine Feststellung, was andere beobachtet haben, wie sie sich fühlen, welche Bedürfnisse (un)erfüllt sind?

(Schlüsselunterscheidung Nr. 30 entnommen aus „Das große Praxisbuch zum wertschätzenden Miteinander – 101 Übungen zur Inspiration Ihrer Seminare und Gruppen auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation“)

 

Die folgende Übung unterstützt Sie dabei, empathisches Vermuten am Arbeitsplatz anzuwenden.

  1. Schritt: Denken Sie an eine wiederkehrende Situation an Ihrem Arbeitsplatz, in der Sie sich über einen Kollegen, Kunden oder Mitarbeiter ärgern und Sie genau wissen, warum dieser Mensch so handelt.
  2. Schritt: Schreiben Sie Ihr Wissen über diese Person auf.
  3. Schritt: Notieren Sie Ihre Gefühle zu dieser Situation. Wie geht es Ihnen, wenn Sie daran denken?
  4. Schritt: Schauen Sie, welches Bedürfnis für Sie in dieser Situation nicht erfüllt ist. (Tipp: Eine Gefühls- und Bedürfnisliste finden Sie hier Gefühls- und Bedürfnisliste)
  5. Schritt: Denken Sie jetzt an die selbe Situation. Legen Sie nun den Fokus auf die Bedürfnisse des anderen. Welches Bedürfnis wollte er sich möglicherweise durch diese Handlung erfüllen?


Fiel Ihnen diese Übung schwer oder leicht? Schreiben Sie es mir in einem Kommentar. Ich bin gespannt und freue mich auf Ihre Erkenntnisse.


Bildquelle: www.pixabay.com und Birgit Schulze


Kommentar schreiben

Kommentare: 0