Was ist eigentlich Gewaltfreie Kommunikation?

Das ist eine Frage, die ich sehr häufig gestellt bekomme. Von Menschen, die zum ersten Mal davon hören. Oder von Menschen, die mehr Infos oder eine Definition brauchen. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich sie bisher so ausdrücklich noch nicht in einem meiner Beiträge beantwortet habe. Du findest in diesem Blogbeitrag vor allem meine persönliche Definition, die im Laufe der Zeit entstanden ist. Denn eins kann ich dir jetzt schon sagen, ein einziger Satz reicht für mich nicht aus. 

Wer hat die GFK "erfunden"?

Die Gewaltfreie Kommunikation wurde von Marshall B. Rosenberg entwickelt. Er machte als Jugendlicher die Erfahrung, dass Menschen, die selbst unter gewaltvollen Bedingungen leben, trotzdem liebevoll und zugewandt sein können. Diese Fragestellung, wie es gelingt empathisch zu bleiben, auch wenn Gewalt erlebt wird, beschäftigte ihn sehr. Und so entschloss er sich, Psychologie zu studieren. Unter anderem bei Carl Rogers, der bereits die klientenzentrierte Gesprächsführung entwickelt hatte. (Buchtipp: Rosenberg, Marshall: Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation - Ein Gespräch mit Gabriele Seils, Herder Verlag)

 

Ich begegnete der GFK in einer Lebensphase, die für mich sehr anstrengend war. Mein zweiter Sohn war damals ca. ein Jahr alt, ich fing wieder an zu arbeiten und wollte alles unter einen Hut bringen. Familie, Kinder, Beziehung, Job, Freund*innen, Freizeit, ... Mit der GFK entdeckte ich eine wirkungsvolle Methode, um in Konflikten zu erkennen, um was es wirklich geht. Bei mir und bei der anderen Person.

 

Während meiner damaligen Tätigkeit als Reklamations- und Beschwerdemanagerin bei einem internationalen IT- und Telekomunikationskonzern halfen mir die vier Schritte dabei, unsere Kund*innen dort "abzuholen", wo es am sinnvollsten ist: auf der Gefühls- und Bedürfnisebene. Im Privaten forderten mich die vier Schritte dagegen persönlich: Denn die Auslöser, die ich dort "geschenkt" bekam, beschäftigten mich auf andere Weise.

 

Mir wurde eins relativ schnell klar: Die GFK ist viel mehr als nur eine Methode. Sie ist Bewusstsein, Kommunikation, Sprache, Gestaltung/Social Change und wer weiß, vielleicht ist sie noch viel viel mehr. Auf jeden Fall ermöglicht die Gewaltfreie Kommunikation, in Konflikten Lösungen zu finden, die die Bedürfnisse ALLER im Blick haben.

 

Ich beginne mal damit, was GFK nicht ist.

 

 

Gewaltfreie Kommunikation ist keine Garantie

Die Sehnsucht, endlich ein Werkzeug zu haben, mit dem ich Konflikte/Mißverständnisse, Meinungsverschiedenheiten verhindern kann, ist so groß. Und die Hoffnung, dass die GFK das bietet scheinbar auch.

 

Meine persönliche Erkenntnis: So ein Werkzeug gibt es nicht. Wie oben bereits geschrieben, ermöglicht die GFK, sie erleichtert, sie eröffnet, sie liefert Perspektive und Möglichkeiten. Eine Garantie für Friede, Freude, Eierkuchen gibt sie dir nicht.

 

Gewaltfreie Kommunikation ist keine Wattebällchen-Sprache

Ganz im Gegenteil, die GFK ist knallhart. Denn durch einen Selbst-Ausdruck auf Basis der vier Schritte konfrontiere ich meine Umwelt damit, wie es mir geht und was ich brauche. Da kann ich noch so viele harmlose, gut gemeinte, höfliche Wörter einbauen, wenn eine Person einen Vorwurf hören will, hört sie ihn.

Allerdings erhöhen die vier Schritte (siehe weiter unten), also die Methode, die Chance, vorwurfsfrei gehört zu werden.

 

Fällt dir etwas auf? Ja genau, die GFK verspricht nichts. Das kann sie auch nicht, weil der Austausch und die Kommunikation zwischen Menschen nicht vorhersehbar ist. Wir alle tragen unser Erfahrungs-Päckchen und ob wir wollen oder nicht, wir lassen diese Erfahrungen in unsere Alltagskommunikation einfließen. Das darf auch weiterhin so sein. Daran ändert auch die beste Kommunikationsmethode der Welt nichts.

 

Die Idee hinter der GFK ist es, die Verbindung zu halten - dann wenn es eng wird, wenn die andere Person ausflippt oder ich verletzt bin.

 

Gewaltfreie Kommunikation ist kein Synonym für Harmonie

Wenn GFK ein Synonym für irgend etwas sein kann, dann nur für Verbindung. Die kann vielleicht Harmonie erzeugen. Aber mit Harmonie verbinde ich so etwas, wie Piep-Piep-Piep-Wir-haben-uns-alle-lieb.

 

Die Gewaltfreie Kommunikation lädt dich ein, echt zu sein, dich zu zeigen mit dem was ist, was du brauchst, was du fühlst. Das bedeutet, dass du auch weiterhin auf unterschiedliche Meinungen triffst. Die Ansichten anderer anzuerkennen, zu verstehen ohne einverstanden zu sein, ist GFK. Zu erkennen, es gibt da etwas das uns trennt und darüber gerate ich weder in Angst, Wut oder Ärger oder steige deshalb in Vorwürfe ein. Und werde ich doch wütend oder ärgerlich, dann verstehe ich, dass es einen Auslöser gibt, der mir zeigt, hier ist gerade etwas bei mir im Mangel. Und nicht, du bist doof oder hast Schuld.

 

Das waren jetzt drei Aspekte, die nicht GFK sind, die aber irgendwie immer damit in Zusammenhang gebracht werden, wenn Menschen glauben zu wissen, was die Gewaltfreie Kommunikation ist, ohne ein tieferes Verständnis davon entwickelt zu haben. 

 

Also was ist denn jetzt diese Gewaltfreie Kommunikation, fragst du dich vielleicht? Komm doch mal auf den Punkt, liebe Birgit. Ich sagte ja, die GFK in einem Satz zu beschreiben fällt mir nicht leicht. ;)

 

Gewaltfreie Kommunikation ist Methode:

Marshall Rosenberg sagte: Bei der GFK geht es um Worte.

 

Die GFK bietet dir mit den vier Schritten eine Methode, um im Konfliktfall auf einfühlsame Weise zu kommunizieren. Das sind die vier Schritte im Schnelldurchlauf. Du findest hinter jedem einzelnen Schritt weiterführende Artikel oder Podcast-Episoden, die sie tiefgehender erläutern.

 

  1. Schritt: Die Beobachtung lädt dich ein, eine Aussage, Handlung, Situation frei von moralischen Bewertungen zu formulieren. (vertiefender Blogartikel: Blogserie (1): Beobachtung/Wahrnehmung - Gedanken/Bewertungen)
  2. Schritt:Mit dem Gefühl drückst du aus, wie es dir mit deiner Beobachtung geht. (vertiefender Blogartikel: Gefühle, Gefühle, Gefühle)
  3. Schritt:Schritt:Dein Bedürfnis ist die Motivation für deine Handlungen und Ursache für deinen Gefühlszustand. (vertiefender Blogartikel: Bedürfnisse, der gute Grund, warum wir handeln.)
  4. Mit einer Bitte kannst du um die Erfüllung deiner Bedürfnisse bitten. Wenn du mehr darüber wissen willst, dann höre dir gerne die Episode #80 Verbindungsbitten vs  Handlungsbitten an.

Gewaltfreie Kommunikation ist Bewusstsein:

Marshall Rosenberg sagte auch: Bei der GFK geht es nicht um Worte, sondern um das Bewusstsein, aus dem heraus wir handeln.

 

Die Methode bietet dir die Möglichkeit, dein GFK-Bewusstsein - also deine Haltung zu entfalten. Ich bin ganz fest überzeugt davon, dass wir alle in uns diese Haltung tragen. Gleichzeitig geht sie verschüttet im Laufe der Jahre. Sie wird überlagert von Lebenserfahrungen, Überzeugungen oder Glaubenssätzen, die uns von dem entfernen, was hilfreich ist wahrgenommen zu werden. Von unserem Gefühl, unserem Körper unseren Bedürfnissen. Mit der Methode - also den vier Schritten - können wir dieses Bewusstsein nach und nach wieder entdecken und es selbst wieder spüren.

 

Wenn sich das Bewusstsein entwickeln oder entfalten darf und wiederentdeckt wird, gelingt es ein Leben von Mitgefühl, Verbindung, Zusammenarbeit, Mut und Authentizität zu führen.

Gewaltfreie Kommunikation ist Kommunikation:

Jenseits von richtig & falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns. Rumi

 

Kommunikation ist der Austausch von Informationen. Und dabei geht es bei der Gewaltfreien Kommunikation auch. Bevor allerdings Sachinfos getauscht werden, geht es darum, sich in Gefühlen und Bedürfnissen auszutauschen und damit Verbindung zwischen den Gesprächspartner*innen herzustellen.

 

So bin ich eingeladen über mich, meine Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen. Gleichzeitig bin ich bereit, die andere Person zu hören, ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen.

 

Über diese Form der Kommunikation entsteht eine Verbindung, die tiefer geht, als es in unserer Alltagssprache möglich ist. Auf diese Weise finden sich Wege, mit denen wir in Konflikten klarer um das bitten können, was wir brauchen.

 

 

Gewaltfreie Kommunikation ist Sprache

"Worte können Fenster oder Mauern sein" Ruth Bebermeyer

 

Durch die vier Schritte und aus meiner Sicht vor allem die Verbindungsbitten, fällt es leichter zu verstehen, wie Worte zur Verbindung oder zur Trennung beitragen.

 

Es gibt Worte und Formulierungen, die sind verletztend und abwertend. Ganz klar. Und es gibt Aussagen, die werden als verletztend oder abwertend interpretiert. Das ist ganz normal. Deshalb ist es hilfreich sich dessen bewusst zu sein. Die GFK schenkt uns hier die Verbindungsbitten, mit denen wir immer wieder sicherstellen können, ob wir uns gegenseitig so hören, wie wir es wünschen und brauchen. 

 

Gewaltfreie Kommunikation ist Social Change

"Sei du die Veränderung, die du in der Welt sehen willst" Ghandi

 

Die GFK bietet dir die Möglichkeit, deine Welt nach deinen Werten zu gestalten und im Einklang mit deinen Werten zu leben, ohne in die Eisiedelei zu verschwinden. Sondern in Gemeinschaft zu bleiben. Durch ein tieferes Verständnis des GFK-Bewusstseins gelingt es leichter, die uns zur Verfügung stehende Macht gemeinsam mit anderen zu gestalten, anstatt sie über andere auszuüben. Macht mit, anstelle von Macht über. Wir nennen das in der GFK auch Power With.

 

Diese Form des gemeinsamen Machens lädt ein, die eigene Welt (wie groß oder klein sie auch ist) zu gestalten. Basierend auf den eigenen Werten, Normen und die Bedürfnisse aller im Blick zu haben. Dass geht sicher nicht ohne Konflikte, Reibung oder Widerstand. Trotzdem ist ein wunderbarer Ansatz für Gemeinschaft und Verbindung. 

 

 

So jetzt bist du dran:

Egal ob du heute zum ersten Mal davon hörst oder schon eine "alte Giraffe" bist, ich freue mich, wenn du mir deine Gedanken mit mir und den Leser*innen teilst. Verrate uns, ...

 

  • ... deine bisherige Top-Erkenntnis zur GFK
  • ... deine persönliche Definition oder
  • ... das was du hier zu teilen bereit bist.

Hinterlasse mir unten gerne deinen Kommentar, deine Gedanken, deine Impulse, die du beim Lesen dieses Artikels hattest. Ich bin total neugierig und freue mich über unseren Austausch.

 


Noch mehr Infos über verbindende Kommunikation im Alltag findest du in meinem neuen Buch:

Aus dem Inhalt:

Wenn Menschen zusammenkommen und miteinander kommunizieren – ob beruflich oder privat –, entstehen oft Missverständnisse und Konflikte. Kommunikation betrifft aber auch einen selbst: Wer sehr streng mit sich selbst spricht, neigt zu Selbst-Zweifeln und Selbst-Kritik. Birgit Schulze ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und erklärt anhand zahlreicher Übungen und Aufgaben, wie es im Alltag gelingt, diese Methode anzuwenden. Sie lädt ein, in einem praktischen 4-Schritte-Programm die eigenen Gefühle und Bedürfnisse besser wahrzunehmen, um so in eine wertschätzende Verbindung zu sich selbst und zum Gegenüber zu treten.

 

17,00 Euro mvg Verlag | ISBN: 978-3-7474-0336-5

Bildquelle: Birgit Schulze


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